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Im Blick - FinanzExperten der VR VerbundBank eG informieren

Im Strudel von Schulden und Renditen

In der heutigen Ausgabe von „Im Blick“ beschäftigt sich unser Leiter Private Banking, Oliver Wieber, mit den Staatsfinanzen Frankreichs und den möglichen Folgen für den Kapitalmarkt.

An den europäischen Rentenmärkten hat sich die Risikoeinschätzung spürbar verändert. Besonders deutlich zeigt sich dies bei französischen Staatsanleihen. Die Verzinsung zehnjähriger Papiere ist seit August um mehr als einen Prozentpunkt gestiegen und hat die Schwelle von 5,0 % überschritten. Für den französischen Staat bedeutet dies: Neue Kredite und fällig werdende Verbindlichkeiten müssen zunehmend zu höheren Konditionen refinanziert werden.

Im Mittelpunkt steht dabei nicht die Erwartung eines kurzfristigen Zahlungsausfalls. Vielmehr sorgen die dauerhaft hohen Haushaltslücken, eine wachsende Schuldenlast, höhere Zinskosten und die politische Unsicherheit für Zurückhaltung bei Investoren. Die zentrale Frage lautet, ob es Frankreich gelingt, seine öffentlichen Haushalte mittelfristig wieder auf einen tragfähigen Kurs zu führen.

Diese Entwicklung ist nicht nur auf Frankreich begrenzt. Auch andere Länder der Währungsunion müssen gegenüber Deutschland höhere Zinsen anbieten, um Kapital anzuziehen. Der Abstand ihrer Anleiherenditen zu Bundesanleihen gilt als Indikator dafür, welchen zusätzlichen Risikoausgleich Investoren verlangen.

Mit einer Schuldenquote von ca. 116,0 % des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2025 liegt Frankreich zwar unter Italien und Griechenland, aber die grundsätzliche Richtung bleibt problematisch. Im Jahr 2027 dürfte die Quote über 120,0 % liegen.

Parallel dazu bleibt der französische Staatshaushalt deutlich defizitär. Einschließlich der Zinsaufwendungen bewegte sich das gesamtstaatliche Defizit in den vergangenen drei Jahren zwischen 5,0 % und 6,0 % des Bruttoinlandsprodukts. Damit liegt es erheblich über dem europäischen Orientierungswert von 3,0 %.

Normalerweise kann solides Wirtschaftswachstum dazu beitragen, die Schuldenlast im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung zu reduzieren. Genau diese Unterstützung fehlt derzeit weitgehend. Für 2026 wird ein reales Wachstum von nur 0,4 % erwartet, für 2027 von 0,8 % und für 2028 von 1,1 %. Bei einer so niedrigen Wachstumsdynamik steigen die öffentlichen Einnahmen nur begrenzt. Zugleich bleibt die Verschuldung im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung hoch.

Zusätzlich gewinnen die Zinszahlungen im Staatshaushalt an Gewicht. Sie binden Mittel, die für andere Ausgaben oder für eine Haushaltssanierung zur Verfügung stehen könnten.

 

Nicht das allgemeine Zinsniveau, sondern der Frankreich-Aufschlag belastet

Die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank beeinflusst die Finanzierungskosten aller Staaten des Euroraums. Höhere Leitzinsen verteuern neue Kreditaufnahmen und die Erneuerung auslaufender Anleihen. Da öffentliche Schulden jedoch unterschiedliche Laufzeiten haben, überträgt sich dieser Effekt schrittweise auf den gesamten Schuldenbestand.

Eine höhere Inflation kann die Schuldenquote teilweise rechnerisch verringern, weil sie das nominale Bruttoinlandsprodukt ansteigen lässt. Diese Entlastung ist allerdings eingeschränkt. Zahlreiche staatliche Ausgaben entwickeln sich ebenfalls mit der Inflation, und ein Teil der französischen Verbindlichkeiten ist an die Preisentwicklung gekoppelt.

Besonders relevant ist deshalb der zusätzliche Zinsaufschlag, den Frankreich gegenüber Deutschland zahlen muss. Dieser Aufschlag erhöht die Finanzierungskosten, ohne dass ihm ein entsprechender Zuwachs der Wirtschaftsleistung gegenübersteht. Er reflektiert nicht nur die Höhe der Schulden, sondern auch Zweifel daran, ob eine politische Mehrheit für eine nachhaltige Haushaltskorrektur erreicht werden kann.

Die absolute Höhe der Staatsschulden ist nur ein Teil der Bewertung. Ein Land mit hoher Verschuldung ist nicht zwangsläufig unmittelbar von Refinanzierungsproblemen bedroht. Entscheidend ist, ob die Wirtschaftskraft, die Haushaltsentwicklung, die Schuldenstruktur und die politische Verlässlichkeit ausreichen, um die laufenden Verpflichtungen dauerhaft zu bedienen.

 

Der politische Fahrplan bleibt ausschlaggebend

In den kommenden Monaten werden die Marktteilnehmer insbesondere auf den französischen Haushalt für 2027, Entscheidungen der Ratingagenturen und auf die politische Entwicklung bis zur Präsidentschaftswahl 2027 achten. Die gegenwärtigen Proteste mit Forderungen nach zusätzlichen staatlichen Leistungen machen es schwieriger, umfassende Einsparungen durchzusetzen.

Sollten die Spannungen an den Märkten deutlich zunehmen, verfügt die Europäische Zentralbank über Instrumente, um ungerechtfertigten Marktverwerfungen entgegenzuwirken. Derzeit besteht hierfür aber vorerst kein Anlass und kommt nur dann zum Tragen, wenn die Risikoaufschläge deutlich weiter steigen.

 

Konsequenzen für für die Kapitalanlage

Für französische Staatsanleihen bleibt das Risiko weiterer Kursbelastungen bestehen, sofern keine umsetzbare Strategie der Haushaltslage sichtbar wird. Somit erachten wir einen schnellen Rückgang der Renditen als gegenwärtig nicht gegeben.

Generell haben europäische Anleihen aber weiterhin eine wesentliche Bedeutung für den Investorenmarkt, denn höhere Renditen führen bei Emittenten mit guter Kreditqualität zu durchaus positiven Einstiegsniveaus.

Unternehmensanleihen bonitätsstarker Emittenten haben sich in dem aktuellen Umfeld als widerstandsfähig gezeigt.

 

Deutschland bleibt ein Stabilitätsfaktor

Deutsche Bundesanleihen zeigen sich weiterhin als verlässliche Anlage im Euroraum. Festzustellen ist, dass auch in Deutschland die staatlichen Verpflichtungen und Zinsausgaben angestiegen sind, allerdings zeigt sich der Vergleich auf internationaler Ebene als robuster.

Für 2026 erwartet der IWF für Deutschland nach den USA – gemeinsam mit Großbritannien – das stärkste Wirtschaftswachstum der G7.

 

Keine Anzeichen für eine Wiederholung der Eurokrise

Auch die Risikoaufschläge Italiens und Spaniens gegenüber Deutschland haben zugenommen, allerdings deutlich weniger als in Frankreich. Die gute Nachricht an dieser Stelle: Eine Neuauflage der europäischen Schuldenkrise von 2012 ist derzeit nicht erkennbar.

Die Schutzmechanismen im Euroraum sind heute stärker ausgeprägt als damals. Banken verfügen über höhere Kapitalreserven sowie die europäischen Unterstützungs-instrumente wurden stetig angepasst und entwickelt. Ein kurzfristiges Eingreifen der EZB zur Unterstützung Frankreichs erwarten wir gegenwärtig nicht.

 

Unternehmensberichte: Positive Zwischenbilanz, hohe Anforderungen und Investitionskosten KI

Neben den Entwicklungen bei Staatsanleihen richtet sich der Blick auf die Berichtssaison für das dritte Quartal 2026. Bislang haben zahlreiche Unternehmen in den USA die Erwartungen übertroffen, auch wenn mit den Quartalszahlen von Alphabet die Stimmung leicht getrübt wurde. Der starke Kursrückgang lässt sich daran festmachen, dass das klassische Suchgeschäft weniger Ertrag mit sich bringt und durch das Thema KI unter Druck steht. Weiter bringen die KI-Investitionen des Unternehmens einen enormen Kostenfaktor mit sich, welcher sich darin zeigt, dass die Investitionsausgaben höher sind als die kurzfristig sichtbaren Erträge. Hinzukommt bei Alphabet, dass der Free Cashflow erstmals stark negativ ist. Mit Blick auf die Unternehmen in Europa deutet die bisherige Datenlage auf einen soliden Quartalsverlauf hin.

Die Berichte vieler großer US-Technologieunternehmen und europäischer Industriekonzerne stehen allerdings noch aus. Investoren werden insbesondere prüfen, wie belastbar die Gewinnmargen sind und welche Erwartungen die Unternehmen für die nächsten Quartale formulieren.

Steigende Finanzierungskosten,  hohe Energiepreise und geopolitische Risiken können die Ergebnisentwicklung belasten. Entscheidend ist, ob Unternehmen für die Zukunft weiterhin Perspektiven in Ertrag und Wachstum nachhaltig aufzeigen können.

 

Unser Ausblick

Erwartungsgemäß haben die Fed für den US-Markt sowie die EZB für den europäischen Markt in ihren Oktobersitzungen jeweils eine Zinspause eingelegt. Aufgrund des anhaltenden Konflikts im Iran und der damit erhöhten Inflation erwarten wir weitere Zinssteigerungen zum Jahresende und schätzen den EZB-Einlagenzins zum 30.06.2027 bei ca. 3,0 % ein.

Auch für den heimischen Aktienmarkt erwarten wir positive Entwicklungen, was die Prognose von ca. 27.500 Punkten zum 30.06.2027 aufzeigt. Für Europa sollte sich mit einem Stand von 6.700 Punkten im EuroStoxx50 ein ähnliches Bild ergeben.

Schlussendlich dürfte auch der US-Markt seine positive Entwicklung fortsetzen,  was zu unserer Prognose von 8.500 Punkten passend sein dürfte.

Fazit

Neben klassischen Bankanlagen und Unternehmensanleihen mit guter Bonität bilden aktiv gemanagte Vermögensstrategien einen professionellen Ansatz, um strategisch und qualitativ robust für weitere volatile Marktphasen aufgestellt zu sein.

Link: vr-verbundbank.de/zinsen


Oliver Wieber, Bereichleiter Private Banking

Oliver Wieber

Leitung Private Banking

Stand: November 2026

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Die redaktionelle Verantwortung liegt beim Verfasser: VR VerbundBank eG, Marburger Str. 6-10 36304 Alsfeld, Telefon 06631 7937-0, www.vr-verbundbank.de

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